"Leidenschaft und Liebesleid des Hochadels" versammelt Erzählkunst vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert und erkundet Liebe als gesellschaftlich regulierte, zugleich zerstörerisch befreiende Erfahrung. Ironische Gesellschaftsbeobachtung, empfindsame Briefromantradition, historischer Roman, melodramatische Unterhaltungsliteratur und psychologische Novelle treten in einen vielstimmigen Zusammenhang. Von höfischer Etikette und dynastischer Pflicht bis zu Eifersucht, Skandal und dem Begehren nach individueller Selbstbestimmung entfalten die Texte ein facettenreiches Bild aristokratischer Lebenswelten. Die Auswahl führt Autorinnen und Autoren verschiedener nationaler und literarischer Traditionen zusammen: deutsche, englische, französische und russische Stimmen begegnen einander über Epochen hinweg. Neben kanonischen Vertreterinnen und Vertretern wie Jane Austen, Frances Burney, George Eliot, Walter Scott, Lew Tolstoi und Stefan Zweig stehen bedeutende, heute weniger präsente Autorinnen der deutschsprachigen Unterhaltungsliteratur. Gemeinsam beleuchten sie die Spannungen zwischen Standesordnung, Geschlechterrollen und emotionaler Autonomie und verbinden Realismus, Romantik und Gesellschaftskritik. Dieser Band empfiehlt sich als ebenso anregende wie lehrreiche Lektüre für alle, die Liebesgeschichten als kulturelle Dokumente verstehen wollen. Er eröffnet die seltene Gelegenheit, unterschiedliche ästhetische Verfahren und historische Perspektiven in einem Band zu vergleichen und den produktiven Dialog zwischen Leidenschaft, Macht und sozialer Zugehörigkeit nachzuvollziehen.